void - un delitto italiano


Pier Paolo Pasolini ist ein ganz Großer gewesen. Sein Werk scheint grenzenlos: tief und weit zugleich. "Realismus", mit dessen Titel man ihn in die Filmgeschichte einordnete, markiert nur die Oberfläche eines "intelletuale e poeta", wie ihn die europäische Kultur im 20. Jahrhundert nicht noch einmal hervorgebracht hat. Erstens war er nicht einfach nur ein engagierter Künstler, sondern ebenso ein Poet der ersten Klasse; seine unzähligen Gedichte (und ebenso seine Romane) zeugen von einer sprachlichen und dichterischen Kraft, die dem allgemein Menschlichen und dem dieses Übersteigenden Ausdruck verlieh, so die Themen Mythos, Liebe, Tod, Opfer und Hingabe. Pasolini war zudem extrem vielseitig. Er vermochte Filme wie "Uccellacci e uccellini" genauso zu realisieren wie "Salò o le 120 giornate di Sodoma" oder "Il vangelo secondo Matteo". (Wie kann ein Atheist so überzeugend Jesus "inszenieren"?) Drittens hatte Pasolini einen außergewöhnlichen Mut, der ihn dazu befähigte, sich mit den unterschiedlichsten kulturellen Gruppen anzulegen (Bourgeoisie, Kirche, Staat, aber auch die politische Linke). Er suchte die "provocazione", ohne die die Heuchelei, nicht zuletzt in der italienischen Gestalt des "qualunquismo" und "menefregismo", nicht herausgefordert werden konnte. Er saugte die Widersprüche seiner Zeit auf. Der Schriftsteller, Dichter, Filmemacher und Publizist war dabei dem absoluten Wahrheitswillen – ohne Konzessionen - verpflichtet. Daher seine Hinwendung an das "sottoproletario" und dessen Sprache. Der Tod Pasolinis – genauer: seine bis heute nicht aufgeklärte Ermordung – im Jahre 1975 markiert für mich das jähe Abbrechen einer linken Utopie, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg im kulturellen Westen ausgebreitet hat und von dem Glauben ausging, daß die moderne kapitalistische Welt grundlegend geändert werden könnte, sowie daß die Künstler dabei eine eminent politische Rolle spielen müßten. 1975, Mitte der stürmigen 1970er Jahre, zeichneten sich das Scheitern der linken Utopien und – besonders schlimm für Pasolini – der Siegeszug des modernen Konsumismus ab. Besonders Sensible spürten das früher und zogen daraus ihre Konsequenzen, nicht zuletzt Luigi Nono. Der Konsumismus, vor dem Pasolini so eindringlich warnte, hat uns längst eingeholt. Künstlerisch kam darauf jene Postmoderne, die das genaue Gegenteil von Pasolinis absolutem Wahrheitsanspruch war. Ist heute ein Pasolini noch möglich? Wie wäre er beschaffen? Welcher Kunstmedien bediente er sich? Aus welchem Kulturkreis käme er? Seine Ermordung in der Nacht auf den 2. November 1975 ist eine der großen Tragödien der Moderne. Die Tat war bestialisch, geradezu atavistisch. Es trifft einen "famoso" durch mehrere bis heute "ignoti". Die Umstände machen seine Ermordung zum doppelten Skandal. Es ist typisch für Italien, nicht nur, daß sie nicht aufgeklärt wurde, sondern daß es einen Pasolini traf, die vielleicht umstrittenste Persönlichkeit seiner Zeit, inmitten einer durch Terrorismus und Gegenterrorismus aufgepeitschten Stimmung. Dieser Hinrichtung wollte ich seit langem musikalisch antworten. Zunächst dachte ich an eine möglichst realistische, nämlich akustisch-stimmliche Präsentation der Ermordung selber, nahm aber dann von dieser eher planen Konzeption Abstand, indem ich die Sterbeszene mit der Vertonung zahlreicher Sentenzen aus seinen Gedichten gleichsam umkleidete. Mit diesen ganz unterschiedlichen Texten (von gesprochen bis gesungen) schaffe ich nicht nur eine poetische, streckenweise madrigaleske Gegenwelt, sondern zugleich ein Panorama des Pasolinischen Denkens. Insofern ist das Werk auch ein Stück weit Narration. Der Titel bezieht sich auf meinem "void-Zyklus", der 10 Werke umfaßt, die in das Musiktheater void – Archäologie eines Verlustes einfließen werden. Der Untertitel "un delitto italiano" zeigt an, daß Pasolini wie kaum ein anderer für die Kultur Italiens in der Nachkriegszeit steht und die Tatsache, daß dieser Mord nicht wirklich aufgeklärt wurde (und Guiseppe Pelosi diesen Mord nicht allein begangen haben kann), typisch für Italien ist, für die "Wurstigkeit" der Justiz und der Polizei oder für die Konspiration politischer Kreise, die nicht an der Aufklärung dieses Delikts interessiert waren. Ich nehme hierbei Bezug auf den Film "Pasolini. Un delitto italiano" von Marco Tullio Giordana aus dem Jahre 1995 sowie auf dessen gleichnamiges Buch. Das Werk ist Antonio Negri gewidmet, einem der wenigen, dabei großartigen Nachfolger Pasolinis. Claus-Steffen Mahnkopf

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