coincidentia oppositorum


Der Titel meines 1986 entstandenen Altflötenstücks bezeichnet einen der Schlüsselbegriffe der mittelalterlichen Philosophie von Cusanus, die Einheit, das Zusammentreffen von Gegensätzen - eine grundbegriffliche Fragestellung von dialektischem Charakter, die auch bei Platon und später wieder Hegel von großem Gewicht ist. Für dieses Stück habe ich mich allerdings nicht für eine dramatische Auseinandersetzung von disparaten Ausdrucksmodellen entschieden, die in einer wie immer gearteten versöhnlichen Geste einen Einheitspunkt erreichen, sondern für eine Statik, die zwei sehr heterogene, wenn man so will: gegensätzliche Materialtypen integriert. Der erste Typus besteht aus melodischem Material in nicht-melodischer Verwendung: einem gleichbleibenden, "normal" gespielten Zentralton, dem alle der Flöte zur Verfügung stehenden Varianten farblicher Nuancen unterworfen werden / der zweite aus nicht-melodischem Material in melodischer Verwendung / Klappengeräusche, tongue-rams, Lippenpizzikati, hineingesprochene Konsonanten und Zungenschnalzen als Tonerregungsmodi, dabei "alle übrigen" Töne einsetzend - beides im formalen Wechsel. Es versteht sich von selbst, daß dieses kreuzweise paradoxe Verfahren niemals Melodik im selbstgenügsamen Sinne aufkommen zu lassen vermag - höchst die Ahnung von deren Abwesenheit.
Jetzt - 11 Jahre nach der Komposition - merke ich, daß wohl damals schon meine musikalische Ästhetik, trotz eines "maximalistischen" Komplexismus, auf die zentrale Frage der Abwesenheit fokusiert ist, eine Abwesenheit freilich, die sich durch die Anwesenheit hindurch realisiert und daher sich erfrischend von den althergebrachten Mustern einer Ästhetik des Schweigens abhebt.
Claus-Steffen Mahnkopf

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