Zweites Streichquartett


Das Streichquartett gilt auch mir als Inbegriff satztechnischer Verfeinerung, kompositorischer Strenge, von Ökonomie des Materials, der Verdichtung des Gehalts, der Konzentration im Formalen - kurz: gleich seiner Tradition ist das Streichquartett der ausgezeichnete Ort musikalischer Immanenz. Daher nur einige Hinweise aufs Technische. Das Zweite Streichquartett ist Teil des Poly-Werks des Medeia-Zyklus. Dieser besteht aus der Kammersymphonie (1993-94) für Solistenensemble (18 Spieler) und den beiden darauf folgenden Stücken, die das Taktschema und somit auch partiell das vorhandene Material rückläufig aufgreifen, eben das Zweite Streichquartett (1995-96) und die Streicherserenade Meta Medeian für 30 Solostreicher und 2 Harfen (1994) - nebst dem Geigensolostück Wladimir (1993), das aber nicht im Zusammenhang der übrigen Stück gespielt werden darf. Die komplette Aufführung des Medeia-Zyklus sieht vor, daß diese drei Werke nahtlos aufeinanderfolgen (die Anschlüsse sind entsprechend), so daß ein zusammenhängendes, abendfüllendes Werk entsteht. Die drei Werke repräsentieren nun drei Grundtypen der Selbstpräsentation des Musikalischen: Ist die Kammersymphonie multiperspektivistisch, so das Quartett konstellativ und die Streicherserenade nicht-konstellativ, nicht-dynamisch, instantan (entsprechend ist die Klanglichkeit homogen und plasmatisch-kohärent). Der Transformationszug ist eindeutig: vom Polyphonen, Differenten, Diskursiven zu dessen Gegenteil. Die Mitte, das Konstellative, stellt eine besondere Herausforderung an mein musikalisches Denken dar, da mein Empfinden stark dynamisch und argumentativ ist, während Konstellativität eine geheimnisvoll funktionierende Koexistenz von Verschiedenem ohne Spannungsprozesse, das gelingende Beieinander des Vielen meint. Mozart wäre der ideale Bezugspunkt, ein Komponist, der mir sehr fremd ist, gerade weil auch für mich er die kindliche "Einstiegsdroge" war. Aber weil das Zweite Quartett konstellativ ist, kann es nicht einfach und nur das Material des hinteren Teils der Kammersymphonie wie immer variativ retrograd reproduzieren, sondern läßt sich so manches einfallen, um die topologischen Stützpunkte für die konstellativen Interrelationen überhaupt zu fixieren.
Claus-Steffen Mahnkopf

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