Die Schlangen der Medusa


Im zyklischen Wechsel zwischen solchen Stücken unter meinen Hauptwerken, die ambitionierte kompositionstechnische Konzeptionen umzusetzen suchen (etwa Rhizom für Klavier von 1988/89), und solchen, die gleichsam eine persönliche Bilanz der dazugewonnenen Lebenserfahrung musikalisch zu ziehen suchen (etwa Erstes Streichquartett von 1988/89 und MEDEIA-Zyklus seit 1993), stellt mein MEDUSA-Zyklus zweifelsfrei das bislang komplizierteste und kompositorisch anspruchsvollste Projekt meines bisherigen Schaffens dar. In ihm kommen meine Bemühungen um Steigerung musikimmanenter Komplexität, die sich im Anschluß an die große mitteleuropäische Tradition des konstruktiv-expressiven Komponierens an dem zentralen Prinzip der Polyphonie orientiert, und eine direkte zeitgeschichtliche Stellungnahme zusammen.
Medusa (entstanden zwischen 1990 und 1992) ist ein etwa 20minütiges Konzert für Oboe und Kammerorchester, das aus 4 Klarinetten, einem Streichtrio, einem Streichquartett, einem Streichquintett und einer "Zupfgruppe" mit Cymbalon, Cembalo, Gitarre und 2 Harfen - eine davon vierteltönig gestimmt - besteht. Dabei sind folgende Aspekte zu berücksichtigen.
  1. Der Solooboenpart stellt die erste Anwendung des gemeinsam mit Peter Veale für unser darin historisch innovativen Oboenbuches erarbeiteten Materials dar, vordringlich der Mehrklänge in ihrer nun exakt bekannten Harmonik und deren Interaktion mit dem Orchester.
  2. Auf der inhaltlichen Ebene allegorisiert die antike Gestalt der Gorgo Medusa mein Lebensgefühl im ausgehenden 20. Jahrhundert, ja zweiten Jahrtausend, ein Lebensgefühl, das man mit der Dichotomie von Anwiderung und Teilnahme kennzeichnen kann. In dem Maße, wie ich die ubiquitäre gesellschaftliche Ir rationalität mit allen katastrophalen Folgen (für die Zukunft zumal im Kulturellen und damit auch im Musikalischen) durchschaue und daher zu verwerfen nicht umhin kann, bin ich zugleich auch fasziniert von den enormen materiellen und pragmatischen Potentialen, die die gesellschaftliche Aufklärung der letzten Jahrhunderte zeitigte. Dieses Lebensgefühl von luxurierendem Überfluß und ethischer Verachtung bedeutet in der Kunst die Paralellität von Manierismus und Negativität. Medusa, so die Überlieferung, erfüllte die Paradoxie von Schönheit und Destruktivität in einer allegorischen Weise. Von unendlicher Schönheit zog sie den faszinierten Betrachter an, den sie mit ihrem Blick zugleich versteinerte. Dieses Attrahierende, das sich als Tötendes entpuppt, gleicht dem Baudelaireschen Vers aus den Fleurs du mal "La douceur qui fascine et le plaisir qui tue". Der großformale Ablauf des Oboenkonzertes zeichnet dementsprechend die Transformation von dem, man ist geneigt zu sagen: zu Schönen zum letztlich gnadenlos Erschlagenden nach. So wie das Phänomen Medusas in den Zeiten des künstlerischen Manierismus sich hoher Beliebtheit erfreute, fehlt das deutliche Moment des Manieristischen bei mir nicht, das ich zumal durch klangliche und harmonische Valeurs zu staffieren suchte. Gleichwohl wäre dahinter Postmodernität zu vermuten, völlig abwegig, nicht zuletzt, weil ich trotz der Überbetonung des Selbstzweckhaften dieses Werkes ein Ausdruckskünstler bleibe. Vielmehr sehe ich in meinem MEDUSA-Zyklus gerade vermöge der in einer ungelösten Spannung gehaltenen Dichotomie von Reiz und Ekel einen künstlerischen Beitrag zum Ende dieses Jahrhunderts, das, Baudrillard zufolge, ohnehin bereits abgeschlossen ist. Daher trägt mein Oboenkonzert den Untertitel: "Image manièristique dédiée à la fin de millénaire".
  3. Folgende Werke gehören, neben dem eigentlichen Oboenkonzert, zum MEDUSA-Zyklus:
    1. Gorgoneion für Oboe solo (1990),
    2. Die Schlangen der Medusa für Klarinetten (1991),
    3. Pegasos für Cembalo (1991) und
    4. Stheno und Euryale für 2 Harfen (1992).
Der kompositorische Ansatz sieht nun vor, daß die vier eigenständigen Werke Die Schlangen der Medusa, Stheno und Euryale, Pegasos und Gorgoneion - übrigens allesamt Aspekte des semantischen Umfeldes der Gorgo - zugleich integrale Bestandteile des Orchesterparts - und zwar unverändert - des Oboenkonzertes Medusa sind. Wir haben also so etwas wie Werke innerhalb eines Werkes. Für eine solche Konzeption habe ich den Begriff Poly-Werk vorgeschlagen. Es geht hierbei nicht um aleatorisches Beieinander, um tachistische Willkür, eine Montage oder um etwas Ominöses wie eine Simultanaufführung. Vielmehr geht es um die radikale Erweiterung eines letztlich traditionellen Polyphoniebegriffes. Ausgangspunkt der Polyphonie ist die Autonomie von Einzelstimmen im Kollektiv, von Einheit in der Vielheit, von Identität im Verschiedenen. Ideal ist das selbstständige Profil, das sich mit mehreren mischt. Dieser Ansatz kann man nun auf immer höhere Stufen der musikalischen Konstruktion übertragen. Ansatzweise hat dies Alban Berg in seinem Kammerkonzert versucht, dessen dritter Satz die beiden davor vereinigt. Die polyphone Kontrapunktik der verschiedenen Werke innerhalb des Oboenkonzertes geschieht, um es prinzipiell zu formulieren, streng organizistisch.
Die polyphone Dissoziation, die sich im Poly-Werk Medusa darin äußert, daß simultan mehrere Werke eigenen Rechts erklingen und diese somit eine Art von Formpluralismus darstellen, wiederholt sich in der Soloversion meiner Klarinettenstücke insofern, als im Orchester vier Spieler zur Verfügung stehen, daher die vier Stücke (je eines für die kleine, die normale, die Baß- und die Kontrabaßklarinette) mitunter überlappen, in der Soloversion, die gewöhnlich von einem Spieler gespielt wird, jedoch umgruppiert werden müssen. Daher liegen die vier Stücke in zwei Versionen vor, die sich in der Reihenfolge und der Instrumentation unterscheiden:
  • Version 1 für kleine, normale, Baß- und Kontrabaßklarinette und
  • Version 2 für B-Klarinette allein.
Musikalisch geht es bei den Schlangen der Medusa (Medusas Haare waren bekanntlich Schlangen, was vor allem auf dem Bild von Rubens - Das Haupt der Medusa - eindringlich zu sehen ist) um eine nicht-illustrative Analogie zu den permanent sehr geschmeidig sich vorwärtsbewegenden Schlangen. Daher ist das Werk, von gewissem Kontrastmaterial abgesehen, zutiefst melodisch, wobei der Einsatz der Mikrotonalität die Feingliedrigkeit und das Engmaschige der Bewegung verdeutlicht.
Das Werk entstand im Frühjahr 1991 als Auftrag der Gaudeamus Foundation, Amsterdam, den ich in Folge des Gaudeamus Prize von 1990 erhielt.
Claus-Steffen Mahnkopf

Zurück